

…fing alleine schon deshalb mal doof an, weil ich “heute nacht” (was bei meinem momentanen Biorythmus gegen halb eins bedeutet) zu spät erst nach Hause kam und dann auch noch von einer im Schlaf brabbelnden Frau in meinem Zimmer angeschrien wurde, wobei sich der Satz “Mir reichts, das kann doch nicht sein, so ‘ne Scheisse – ach du kannst mich mal…” ständig wiederholte. Nun ja. Heute morgen hat es dann auch noch in Strömen geregnet, was das Aufstehen nicht unbedingt erleichtert hat.
Wenn das Blutabnehmen dann mal klappt, sag ich am besten Bescheid *räusper*. Ansonsten habe ich heute erfahren, dass hier letztes Jahr eine wohl jedem wohlbekannte Erkrankung unter dem Personal herumgegangen ist. Dies wundert mich nicht, weil hier die Hygiene lange nicht so groß geschrieben wird wie zum Beispiel in Marburg. Handschuhe sieht man hier selten woanders als in ihrem Karton. Sehr beruhigend, wahrscheinlich habe ich alles von Tuberkulose bis hin zu Hepatitis C wenn ich wieder daheim bin.
Heute mache ich gar nichts mehr ausser Dösen und Lesen, morgen gibt es dann hier den Vortrag über Onkologie. Da gehe ich noch einmal mit den Famulantinnen hin, die leider auch morgen abfahren und sehr nett waren. Außerdem gibt es auch Samstags Frühstück, und das werde ich wohl ausnutzen.
Montag hab ich tatsächlich was schönes vor, in List ist am Weststrand eine Vollmondparty (ist überhaupt Vollmond?) – jedenfalls hat mir einer der Ärzte hier gesagt, dass ein paar Kollegen dort hingehen, und ich habe angekündigt, mitzukommen.
So, jetzt heim ratzen, oder vielleicht doch Fischbrötchen? Alle hier sagen, der angeblich frische Nordseefisch inklusive Nordseekrabben sind genauso konserviert wie das Meeresgetier, was man in ganz Deutschland kaufen kann. Ich hoffe, dass sie sich alle irren. Meine Illusion lass ich mir nicht zerstören
Tja, heute ist ein weniger erfolgreicher Tag. Wahrscheinlich war das der Preis für das bessere Wetter. Heute habe ich aufgrunddessen, dass ich ein Schisser bin, keinmal erfolgreich Blut abgenommen – ich bohre halt nicht gerne.
Infolgedessen traute ich mich natürlich auch nicht, den Leuten dann auch noch eine Braunüle zu legen (man bedenke, das hat auch noch nie vorher geklappt). Was solls, ich werde die Ärzte darum bitten, mich in Zukunft dazu zu zwingen.
Ansonsten habe ich wieder eine Darmspiegelung mitverfolgt, diesmal bei einer Oberschickse mitten in den Wechseljahren. Ich fand, die Frau hat für ihren niedrigen Puls ein bisschen zu viele Schmerzensschreie losgelassen. Die andere zuschauende Famulantin meinte aber danach, dass sie im Gegenteil fände, dass sie die von mir als “Schreie” deklarierten Laute im Vergleich zu anderen Patienten doch schon eher fast als Stöhnen bezeichnen würde…Gut, ich will der Frau jetzt mal nicht unterstellen, dass sie die Darmspiegelung angemacht hat, aber es klang tatsächlich ein bisschen so…
Dann sind mir ein paar Verbindungen innerhalb der Klinikhirarchie aufgefallen. Besser Spannungen zwischen bestimmten Kollegen oder Statusdenken von anderen. Der Chef mag Privatpatienten sicher nicht ohne Grund länger da behalten. Naja, ist ein wenig mit Vorsicht zu genießen, nicht so charmant und sympathisch wie auf den ersten Blick gedacht jedenfalls.
Gleich werde ich vielleicht noch mit der Frau, die schon auf der Schwelle zum Jenseits steht, versuchen bis zum Meer zu laufen. Sie will es ja doch so gerne noch einmal sehen. Und heute abend gehe ich mit ein paar anderen Famulanten etwas trinken in Westerland…
…war nicht viel. Nunja. Wer haette das gedacht. Von
drei Blutentnahmen sind mir zwei geglueckt, und beim
dritten Patienten hats nach den anderen ebenso
erfolglosen Famulanten auch erst der Stationsarzt
geschafft. Kein Beinbruch also. Dann das uebliche -
Visite gleich mehrmals am Tag. Nichts interessantes,
ausser dass ein paar Patienten langsam anfangen, mit
mir warm zu werden. Ist doch schoen wenn man sehen
kann, dass sich ein trauriges Gesicht aufhellt, wenn
man den Raum betritt.
Ansonsten habe ich gestern die ganzen Sachen gemacht,
die eigentlich jeder machen koennte, nur dass sie nicht
jeder machen darf. Zich intravenoese Spritzen – was ja
nun wirklich keine Kunst ist, wenn der Patient sowieso
schon eine Kanuele im Arm hat. Und einen Tropf an und
abhängen kann ja nun auch jeder. Den sogenannten
Schellong-Test habe ich gemacht (den auch wieder jeder
Laie hinkriegen koennte) – eine suesse kleine 92-jaehrige
Omi mit Nagellack, Seidenblueschen, Bernsteinklunkern,
Lippenstift und perfekt gestylter Frisur war das
Opfer. Da man aber bei diesem Test sowieso nichts
anderes macht, als alle zwei Minuten Blutdruck und
Puls zu messen – nach dem Aufstehen und dann wieder im
Liegen – war das kein Problem. Die andere Frau, mit
der wir diesen Test machen sollten, war dagegen schon
eher ein Problem. Ein Monsterweib, wuerde ich mal
sagen, mit einem gigantischen Nabelbruch – ihr Gewicht
verhinderte leider, dass wir ihr ueberhaupt aus dem
Bett helfen konnten. Arme Menschen liegen da schon.
Ein Mann, bei dem gerade Darmkrebs mit Metastasen in
Leber und Lunge festgestellt wurde, faengt immer
beinahe zu weinen an, wenn sich die Visite wieder bei
ihm verabschiedet. Eine sehr junge Patientin mit ihren
vielleicht 45 Jahren hat Metastasen in der Leber,
deshalb den ganzen Bauch voll mit Fluessigkeit und ist
gelb am ganzen Koerper. Die sagt immer, dass sie doch
nur noch mal das Meer sehen moechte. Schon relativ
tragisch.
Um uns schoeneren Themen zuzuwenden – gestern hab ich
zum ersten Mal einer Darmspiegelung beiwohnen duerfen.
Der arme Mann musste bald eine halbe Stunden in seinem
Kittelchen da liegend auf den Arzt warten. In der Zeit
hab ich mit den MTAs ueber Wohnungen auf Sylt
getratscht und festgestellt, dass das kein Mensch
bezahlen kann, hier auch nur eine Wohnung zu mieten.
Naja, jedenfalls tat mir der Patient dann ja doch
leid, weil irgendwie das Betaeubungsmittel nicht so
schnell gewirkt hat, wie es sollte. *raeusper* Er hats
aber ueberstanden…
Gestern war ich auch noch im Lister Hafen, weil dort
das russische Schulschiff “Mir” lag. Ein Dreimaster,
der aber unspektakulaer weit draussen lag. Und ich
wollte mich dann auch nicht mit den 100000000
sensationsgeilen Leuten darum schlagen, den Matrosen
mal die Hand zu schuetteln und ein Foto von ihnen zu
machen. Wozu auch. Da bin ich lieber nochmal an den
Weststrand gefahren, wo dann endlich einmal gewohntes
Sylt-Feeling aufkam. So ein Sonnenuntergang auf der
Insel ist eben einfach schoen, und deshalb fahr ich da
heute wieder hin.
So, und jetzt gehe ich fruehstuecken!
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